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Allmachts-Phantasien

Gläubige Menschen gehen von einem allmächtigen, allwissenden und ewigen Gott aus, der zudem noch überall ist. Alles göttliche Attribute. Und selbst in Glaubensfragen zweifelnde Menschen sehen es manchmal als Axiom, dass schon irgendwie ein Gott existieren könnte. Ob das nun Folgen im eigenen Leben hat oder nicht, bleibt davon unberührt.

Der ehemals allwissende Staat – besonders in der Diktatur – und die allmächtige Partei – irgendjemand muss sich ja auf den leeren Thron setzen und die Welt regulieren – hat sich spätestens in Köln als ohnmächtig gezeigt. Seine Macht ist mehr als brüchig. Der Staat war nicht mehr Herr der Lage. Das ist für Menschen, die sich nach einer Form von göttlichem Schutz sehnen verstörend. Nun hat sich also das Säkulare, das in Religionsfragen stürmisch begrüßt wurde, endgültig auch in der Staatslehre festgemacht. Und: Wir waren Zeugen. Die Herrschaft ist gebrochen, der (all-)mächtige Staat ist zum Jahreswechsel entthront worden. Und mancher ist tatsächlich zutiefst beunruhigt.

Dazu kommt: Allwissenheit und Ubiquität haben sich ins Internet hinein aufgelöst. An jeder Stelle der Welt kann ich – rein theoretisch – auf die Suche gehen und über die SEARCH-Taste am ewig-herrlichen Weltwissen teilhaben. Überall auf der Welt, wenn das nicht Ubiquität (Also-überall-zugleich) ist. Und natürlich ist das unseren Raumfahrern in den Weiten des ewig-kalten Alls auch möglich. Kein Wort mehr dazu. Ist eben Tatsache.

Zeitenwende ist! – und wir merken es kaum. Die Geistesgeschichte muss sich neu sortieren. Vergangen ist das Vertraute. Wer Gebete gelernt hat, möge sich an die allmächtige Suchmaschine begeben und sein Begehr hinein tippen. Ob in allem aber wirkliche Freiheit liegt, sei dahingestellt. Ich bin ein Zweifler in solchen modernen Glaubensfragen und harre des Missionars. Mal sehen, wer vorüber kommt. Ein Computerwissenschaftler oder ein Priester. Und mal sehen, wer mehr Chancen bei mir hat.